Walter Reusser: „Das Fragezeichen ist grösser als erhofft“

22.09.2021

In einem Monat erfolgt mit dem Weltcup in Sölden der Auftakt zur Alpin-Saison 2021/22. In einem auf der Verbandshomepage www.swiss-ski.ch veröffentlichten Interview erläutert Alpin-Direktor Walter Reusserwie es um die Vorbereitung des Schweizer Teams steht, was die Strukturanpassung im Nachwuchsbereich bewirkt und welche Herausforderungen mit den Olympischen Winterspielen in Peking verbunden sind.

Walter Reusser. – Foto: Swiss Ski

In etwas mehr als einem Monat stehen die ersten Weltcup-Rennen der Olympia-Saison 2021/22 auf dem Programm. Die Vorbereitung scheint ruhig und ohne grössere Probleme zu verlaufen.
Walter Reusser: „Es läuft alles sehr strukturiert ab. Jeder hat seine entsprechenden Aufgaben und arbeitet an diesen. Wir sind gut organisiert und gut aufgestellt. Es herrscht Ruhe, das Team ist fokussiert auf das Training auf der Piste. Wir haben auf unseren Gletschern in Saas-Fee und Zermatt beste Bedingungen und eine tolle Unterstützung seitens der Destinationen.“

Im letzten Winter wurde in Bezug auf die Weltcup-Nationenwertung das Maximum erreicht – sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern war die Schweiz die Nummer 1. Wie kann dieses Niveau gehalten oder gar noch verbessert werden?“
Ein grosses Thema ist, die Qualität weiter zu steigern – sei dies im athletischen und skitechnischen Bereich, bei der Ernährung oder beim Material. Da gilt es, individuell die bestmöglichen Lösungen zu entwickeln. Wir haben Gefässe geschaffen, damit die verschiedenen Gruppen in sich optimal trainieren können. Unser Staff ist so aufgestellt, dass die Athletinnen und Athleten eine Anlaufstelle haben für jede Art von Fragen und Anliegen. Wir sind jetzt daran, das Ganze innerhalb dieser gewachsenen Struktur zu individualisieren. Der eine braucht mehr Unterstützung beim Thema Ernährung, jemand anders eher in Bezug auf die Erholung, wiederum andere sind mehr mit dem Material beschäftigt.“

Auf diese Saison hin wurden im Nachwuchsbereich Strukturanpassungen vorgenommen. Kannst du diesbezüglich schon ein erstes Fazit ziehen?“
Die verschiedenen Stufen beginnen – wie von uns initiiert und erhofft – immer näher zusammenzurücken. Sei es in Bezug auf die nationalen Leistungszentren, die Regionalverbände oder die nationalen U16-Zusammenzüge. Von diesen haben nach unseren Strukturanpassungen im Nachwuchsbereich bislang zwei stattgefunden. Rund 40 Mädchen und Jungs aus den drei Interregionen West, Mitte und Ost konnten in Zermatt neben den Weltcup-Teams trainieren und dabei von einer perfekten Infrastruktur profitieren. Die Rückmeldungen, die wir erhalten haben, waren sehr positiv.“

Was erhofft sich Swiss-Ski von diesen neuen nationalen U16-Zusammenzügen?
„Es geht darum, dass Athletinnen und Athleten, die noch nicht einem Swiss-Ski Kader angehören, schon früh mit Leuten in Kontakt kommen, die für sie später einmal wichtig werden. Diese Nähe zu Swiss-Ski ist meines Erachtens extrem wichtig. Nicht nur die Athletinnen und Athleten, auch die Trainerinnen und Trainer sollen eine Anlaufstelle haben, wo sie sich melden können, wenn sie beim Lösen eines Problems Unterstützung brauchen. Sie sollen von den neuesten Erkenntnissen von Swiss-Ski in den Bereichen Forschung und Ausbildung profitieren, die entsprechenden Dinge zuhause in den jeweiligen Regionen zusammen mit ihren Athletinnen und Athleten anwenden und das erworbene Wissen für die eigenen Bedürfnisse skalieren können. Ein weiteres Ziel ist es, dass wir eine Infrastruktur zur Verfügung stellen können, die diese besten Athletinnen und Athleten aus den drei Interregionen in deren skifahrerischer Entwicklung weiterbringt. Wir wollen die Möglichkeit geben, die Benchmark zu trainieren. Um einordnen zu können, ob ein Training gut oder weniger gut gewesen ist, muss man zwischendurch in Erfahrung bringen können, was die Besten auf der Piste trainieren.“

Vor einem Jahr gab es vor dem Saisonstart wegen Covid-19 viele grosse Fragezeichen. Wie sieht es heuer aus?
„Das Fragezeichen ist grösser als erhofft. Auf der einen Seite haben wir nach letzter Saison die Gewissheit, dass wir trotz der Covid-19-Umstände einen Weltcup-Winter durchführen können. Das gibt eine gewisse Sicherheit. Auf der anderen Seite sind die Herausforderungen aber eher grösser geworden, während man vor einem Jahr in einer Art Überlebensmodus agierte. Man weiss immer mehr über diese Pandemie, es stehen mehr Tools zur Verfügung, aber die Vorgaben werden detaillierter und damit komplexer – und die Einreisebestimmungen in die jeweiligen Länder können jederzeit ändern. Die Integration des Sports in Events mit Publikum – so sehr wir uns diese wünschen – stellt uns vor bestimme Herausforderungen.“

Was stimmt dich optimistisch, dass Swiss-Ski im Alpin-Bereich weiterhin die Top-Position einnimmt?“
„Unsere gewachsenen Strukturen und der Erfolgshunger unserer Athletinnen und Athleten stimmt mich sehr zuversichtlich. Aber auch wenn wir im letzten Jahr einen gewissen Abstand herausfahren konnten: Grundsätzlich geht es im alpinen Skirennsport eng zu und her, es ist überhaupt kein Selbstläufer, die Nummer 1 zu bleiben. Nichts ist selbstverständlich. Die anderen Nationen unternehmen alles, um ebenfalls besser zu werden. Wir dürfen uns deshalb nicht erlauben, auch nur ein wenig nachzulassen. Wenn wir auf jener Qualität aufbauen können, welche uns im letzten Winter ausgezeichnet hat, dürfen wir zuversichtlich sein. Die Faktoren, die den Erfolg beeinflussen, sind vielschichtig: Trainingsqualität, Gesundheit, Wettereinflüsse. Wie schnell es in negativer Hinsicht gehen kann, zeigt die schwere Verletzung von Semyel Bissig. Er wäre in dieser Saison ein Athlet gewesen, der einen massgeblichen Beitrag dazu hätte leisten können, dass unsere Riesenslalom- und Super-G-Equipe noch bereiter und besser aufgestellt gewesen wäre.“

Im letzten Jahr war besonders das Frauen-Team von vielen Verletzungen betroffen. Wo stehen diese Athletinnen aktuell?
„Sie sind sehr unterschiedlich unterwegs. Noch am wenigsten weit ist Aline Danioth, die sich im Frühling einer weiteren Operation unterzogen hat. Für sie gilt, ohne Druck gesund zu werden, einen sauberen Aufbau zu machen. Elena Stoffel, Andrea Ellenberger und Charlotte Chable sind im Training integriert und können wieder viele Umfänge machen. Von der gesundheitlichen Situation her sieht es bei ihnen gut aus, aber man kann nicht davon ausgehen, dass sie leistungsmässig sofort dort anknüpfen können, wo sie vor ihren Verletzungen gewesen sind. Man muss ihnen hierfür die nötige Zeit zugesehen.“

Die Olympischen Winterspiele in Peking sind das unbestrittene Highlight der bevorstehenden Saison. Erst vor wenigen Wochen gingen unter Covid-19-Bedingungen die Sommerspiele in Tokio zu Ende. Hast du schon mit Beteiligten über deren Erfahrungen gesprochen?
„Ja, im Zusammenhang mit Covid-19 und Olympia gab es bereits einen Austausch mit Funktionären, die in Tokio gewesen waren. Ein weiterer folgt. Aus ihren Learnings werden wir das eine oder andere mitnehmen können. Auf der anderen Seite kann man Ski Alpin nicht mit anderen Sportarten vergleichen. Es gibt vor allem einen Parameter, der sehr unterschiedlich ist: Bei denjenigen Sportarten im Sommer, in denen die Schweiz in der Regel Aussichten auf Top-Resultate hat, gibt es wenige Wettkämpfe, welche wetterabhängig sind und verschoben werden können. Die Leichtathletik- oder Mountainbike-Wettkämpfe beispielsweise finden fix zum Zeitpunkt X statt. Da weiss man schon Monate im Voraus, um welche Uhrzeit es ernst gilt. Abweichungen vom Zeitplan sind nahezu ausgeschlossen. Beim Skifahren ist das anders. Das hat grosse Auswirkungen auf die Gestaltung der Trainingsblöcke. Rennen können vorgezogen oder verschoben werden wegen des Wetters, es braucht viel mehr Flexibilität – nicht zuletzt auch, was die Anreise betrifft. Diese Unwägbarkeiten sind eine grosse Herausforderung. Die Leute werden gestresst, wenn Trainings abgesagt werden müssen oder wenn absehbar ist, dass ein Wettkampf nicht bei fairsten Bedingungen ausgetragen werden kann. In den meisten anderen Sportarten kann man sich besser auf einen Wettkampf einstellen.“

Testrennen im Rahmen des Weltcups konnten in China nicht ausgetragen werden. Ist das ein grosses Problem?
„Die Ausgangslage ist für alle Teams die gleiche. Wichtig ist, dass man aus jenen Trainingseindrücken und Erkenntnissen, welche man vor dem Wettkampf sammeln kann, das Bestmögliche macht, damit unsere Athletinnen und Athleten wissen, was sie während ihrem Rennen zu tun haben. Diese Ausgangslage kommt sicher den erfahrenen Fahrerinnen und Fahrern sowie einem eingespielten Team im Hintergrund zugute.“

 

Das Interview mit Walter Reusser wurde von Swiss Ski geführt und auf der Verbandshomepage www.swiss-ski.ch veröffentlicht. skinews.ch hat die Erlaubnis, diesen Text vollumfänglich zu veröffentlichen.

 

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