Gian Franco Kasper † – nahbar, ironisch, manchmal unbedarft

10.07.2021

Der ehemalige FIS-Präsident Gian Franco Kasper (77) ist tot. Unsere Wege haben sich beruflich bedingt gelegentlich gekreuzt und auch via SMS oder mit Telefongesprächen standen wir immer wieder in Kontakt. Erinnerungen an einen eigenwilligen, aber angenehmen Menschen.

Gian Franco Kasper †. – Foto: GEPA pictures

Die weisse Winterjacke mit der wie ein Nackenkissen platzierten pelzumrandeten Kapuze sind in der jüngeren Vergangenheit sein Markenzeichen geworden. Seit mehr als 10 Jahren ist Gian Franco Kasper mit dieser Jacke bei Eröffnungsfeiern von Grossanlässen, bei Siegerehrungen oder auch zu gelegentlichen Fototerminen erschienen. Dass es dieses Fotosujet im Winter 2021/22 nicht mehr geben wird, ist seit der Rücktritt Kaspers per 4. Juni 2021 festgestanden hat klar. Die Meldung, dass Kasper krankheitsbedingt der Amtsübergabe fernbleiben müsse, war kein gutes Vorzeichen. Die Tatsache, dass meine am 4. Juni per SMS abgesetzten Genesungswünsche ohne Reaktion geblieben sind, auch nicht. Gian Franco Kasper hat stets mehr oder weniger umgehend auf meine (seltenen) elektronischen Mitteilungen reagiert, meistens mit einem Rückruf. Diesmal ist ein solcher ausgeblieben. Der gewiefte Taktiker, während Jahren aktive Verbandsreformer und Kommunikator wird fehlen. Gian Franco Kasper ist am Freitagabend in einem Spital verstorben.

Gespräche oder Interviews mit Gian Franco Kasper sind nie langweilig gewesen. Wenn ich einen Fotoapparat oder eine Videokamera mit hatte und diese Geräte benützen wollte, äusserte er stets die Bitte, man möge ihn nicht rauchend zeigen und auch die auf dem Tisch liegende Schachtel „Marlboro“ gehörten wenn immer möglich nicht aufs Bild. Ich erinnere mich noch gut an das erste längere Interview mit dem Bündner. 2005 war es, bei den Ski-Weltmeisterschaften in Bormio. Gian Franco Kasper lud mich, damals Journalist der „Neuen Luzerner Zeitung“, und einen Kollegen der Berner Tageszeitung „Der Bund“ zu sich ins Hotelzimmer. Als sich die Türe öffnete, traten wir in einen „vernebelten“ Raum. Es hätte gut und gerne ein Hinterzimmer in Chicago zu Zeiten der Prohibition sein können, in welchem mehrere Zigarren rauchende Syndikatsbosse seit Stunden schon bei einer Pokerrunde zusammensitzen. Bis heute bin ich der festen Überzeugung, dass der Hotelier nach Kaspers Auszug die schweren Vorhänge und die dicken Teppiche als Sondermüll zu entsorgen hatte. Meine Jacke und die Jeanshose haben mich nach der rund 90 Minuten dauernden Audienz noch lange an das Gespräch erinnert.

Gian Franco Kasper war als einer der wichtigen Sportfunktionäre nahbar, ohne je die nötige Distanz zu verlieren. Egal worüber ich mit ihm gesprochen habe, einen Text vor der Veröffentlichung gegenlesen wollte Kasper – bis auf eine Ausnahme – nicht. Er ging davon aus, dass er es beim Interview mit einem Berufsmann zu tun hat, der den Inhalt des Gespräches auch korrekt wiedergeben kann. Wenn er unsicher war, ob die eben gemachte Aussage oder das, was er als nächstes sagen möchte, wirklich geschickt war respektive sein wird, lieferte er jeweils einen Hinweis an den Journalisten: „Das müssen sie ja jetzt nicht unbedingt schreiben.“ Er war witzig, eloquent und manchmal in seinen Äusserungen auch etwas unbedarft. Gewisse Dinge hätte er besser nicht gesagt. Zum Beispiel 2019, als er in einem Zeitungsinterview den Klimawandel in Frage gestellt oder aber davon gesprochen hat, dass sportliche Grossereignisse wie Ski-Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele in Diktaturen einfacher zu organisieren seien als in Demokratien. Der Bündner war selten Diplomat, trug das Herz oft auf der Zunge und wurde, weil er ja unbedingt in das bereitstehende Fettnäpfchen treten musste, medial abgestraft. Auch weil sein Schalk und seine Ironie nicht immer verstanden worden sind und irritierend gewirkt haben. Nur seine während den Ski-Weltmeisterschaften in Are telefonisch übermittelte Replik auf die erwähnte Klimawandel-Aussage wollte er vor der Veröffentlichung sehen. „Nicht weil ich Ihnen misstraue, aber ich glaube es ist im Moment einfach besser“, entschuldigte sich Kasper fast dafür, dass er sein „Recht“ wahrnehmen wollte. Auch nach diesem Intermezzo gab es zwischen uns Gespräche über „heikle“ Themen. Über den Weltcup-Kalender zum Beispiel. Oder über das Fluorverbot im Skiwachs. Oder über die Freistellung von Generalsekretärin Sarah Lewis. Dabei war die „alte Ordnung“, dass Kasper auf ein Gegenlesen verzichtet, wieder hergestellt.

Vielleicht hat er den richtigen Moment, um das Amt des FIS-Präsidenten abzugeben, verpasst und so nötigen Reformen nicht die Türe geöffnet. Wirklich grosse Fehler aber kann man Gian Franco Kasper nicht vorwerfen. Und mit Sicherheit hat er sein Amt nach bestem Wissen und Gewissen ausgefüllt. Seit unserem ersten Sechs-Augen-Gespräch 2005 in Bormio und dem letzten längeren und persönlichen Treffen im April 2018 in Oberhofen – davon stammen die zum Start von skinews.ch veröffentlichten Videos (unten) – sind bei Gian Franco Kasper die Furchen im Gesicht noch tiefer, seine Haut noch etwas grauer und die Augen deutlich müder geworden. Er aber war noch immer jener Mann, mit dem man sich gerne unterhält und bei welchem man sich als Journalist nicht in die Rolle eines Bittstellers gedrängt gefühlt hat. Es waren immer angenehme Gespräche in lockerer Atmosphäre. Auch weil Gian Franco Kasper, der eine lange Zeit seines Lebens dem Wintersport gewidmet hat, gewusst hat, dass mir der Sport, besonders der Wintersport, wichtig sind.

Ich werde Gian Franco Kaspers Anrufe als Reaktion auf meine SMS vermissen. Ich werde seine im Dialekt gestellte Eröffnungsfrage, „Herr Gerber, was kann ich für sie tun?“, vermissen. Ich werde Gian Franco Kasper vermissen.

 

Peter Gerber Plech, Chefredaktor skinews.ch

 

 

 

 

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