Marc Gini: „Menschen motivieren gehört zu meinen Stärken“

06.08.2021

Vom Slalomfahrer zum Physiotherapeuten. Marc Gini hat den Umstieg vom Spitzensport ins „normale Berufsleben“ geschafft und ist als Selbständiger sein eigener Chef.

Marc Gini unterstützt einen Athleten bei der Arbeit mit den Gewichten.  – Foto: www.ni-photography.com / Nicholas Iliano

Er steht wieder auf den Skiern und wird auch bei Skirennen aktiv dabei sein. Allerdings wird der ehemalige Weltcup-Fahrer Marc Gini dabei keine Startnummer tragen und er wird auch nicht mehr unter dem Druck stehen, eine möglichst schnelle Zeit abliefern zu müssen. Das Betätigungsfeld des mittlerweile 36 Jahre alten Bündners hat sich seit dessen Karriereende im April 2017 verändert. Marc Gini konnte seine Laufbahn als Profisportler gesund und selbstbestimmt beenden und kümmert sich heute als Physiotherapeut um die Athletik und das körperliche Wohlbefinden anderer. Beispielsweise leitet und steuert er die komplette athletische und physiotherapeutische Vorbereitung des Schweizer B-Kader-Athleten Fadri Janutin. In Teileinsätzen ist er auch für Swiss Ski tätig. Zuletzt stand er in Zermatt für die Riesenslalom-Spezialisten Thomas Tumler und Daniele Sette im Einsatz.

Der Übergang vom Spitzensportler zum Unternehmer mit eigener Physio-/Orthonomie-Praxis (www.marcgini.ch) sei ein fliessender gewesen, erzählt der Olympiateilnehmer von 2010. Zum einen hatte Gini bereits im Herbst der Sportkarriere das Physiotherapie-Fernstudium in Angriff genommen und zum anderen sei der Schritt zur beruflichen Selbständigkeit kein riesiger gewesen. „Als professioneller Skirennfahrer funktionierst du in vielerlei Hinsicht bereits wie ein Einzelunternehmen. Du bist nicht, wie viele vielleicht meinen, Angestellter des Skiverbandes. Als Athlet musst du möglichst erfolgreich sein und diese Erfolge vermarkten. Der Verband – und wenn gewollt ein Management – unterstützen dich dabei, aber vieles erledigst du trotzdem selbst. Gerade die Organisation des administrativen Bereichs, zum Beispiel in Bezug auf Versicherungen oder auf die Altersvorsorge, habe ich als Spitzensportler bereits kennengelernt und diese Erfahrungen in meine zweite Karriere mitnehmen können.“ Die kurze Zeit als Angestellter im medizinischen Zentrum von Bad Ragaz habe eine grössere Umstellung mit sich gebracht als der Wechsel vom Spitzensportler zum selbständigen Unternehmer.

 

 

Marc Gini beim Mobilisieren der Nacken-/Schultergegend. – Foto: www.ni-photography.com / Nicholas Iliano

 

Marc Gini ist nach eigener Aussage „leidenschaftlicher Physiotherapeut“. Die Liebe zu seiner Arbeit hat unmittelbar mit der ersten Leidenschaft des Bündners, mit dem Skifahren, zu tun. Nach einem routinemässigen Eingriff im Kniegelenk (Knorpelschaden) wurde der Slalom-Spezialist wegen anhaltender Schmerzen zu einer langen, fast zwei Jahre dauernden Pause gezwungen. „In dieser Zeit habe ich alles Mögliche ausprobiert, damit ich wieder Skifahren kann. Dadurch habe ich einen vertieften Einblick bekommen und gesehen, welche Therapien und Methoden funktionieren und welche nicht oder nicht ideal.“ Wohl das Schlüsselerlebnis für Gini war, dass er im Laufe der Suche nach der Linderung bringenden Therapie fündig geworden ist. „Ich habe einen Therapeuten gefunden, der die Ursachen der Schmerzen richtig erkannt und die Energie in die Behandlung dieser gesteckt hat. Endlich konnte ich danach wieder schmerzfrei Skifahren. Die Physiotherapie ist nicht zuletzt wegen dieser Erfahrung zu meiner Leidenschaft geworden und ich lebe diese ähnlich wie früher den Spitzensport: ich will mich täglich verbessern. Mit der Physiotherapie habe ich für mich eine neue Art Slalom gefunden. Ich werde immer wieder aufs Neue gefordert und ich stelle mich dieser Herausforderung gerne und voller Überzeugung.“ Das Engagement und die Leidenschaft für seine neue Berufung hat sogar dazu geführt, dass seine Frau und die Mutter der Ende November 2020 geborenen Tochter Fiamma zugunsten der Familie bremsend hat eingreifen müssen. „Ich habe von meiner Frau die Auflage erhalten, dass ich neben meinem Job nur noch eine Weiterbildung, und nicht mehr zwei oder drei gleichzeitig, absolvieren darf“, sagt Gini. Sein Anspruch sei, dass er Schulmedizin und Erfahrungsmedizin kombinieren und gemeinsam mit der Patientin/dem Patienten individuell sinnvollsten Weg einschlagen könne. „Ich helfe mit, dass der Körper mechanisch wieder wie gewünscht funktionieren kann. Wichtig ist mir in meiner Arbeit, dass die Menschen ihrem Körper wieder Vertrauen entgegenbringen. Dieses Ziel erreiche ich mit der manuellen aber zu einem grossen Teil auch mit der mentalen Arbeit.“

Neben der Arbeit im Bereich der Reha mit verletzten Sportlerinnen und Sportlern auf dem Weg zurück ist Gini auch mit einer Gruppe junger Athletinnen/Athleten aus dem Skisport, dem Triathlon oder Mountainbike tätig, die noch nie durch eine grössere Verletzung gebremst worden sind. Die präventive Arbeit sei ein zentraler Punkt, sagt der Bündner. „Der Anspruch ist es natürlich, dass diese Sportlerinnen und Sportler so wenige Reha-Phasen wie möglich durchmachen müssen und im Idealfall ihre Karrieren sogar ohne Verletzungen erleben können.“ Weil er selbst die schönen und auch weniger schönen Erfahrungen eines Spitzensportlers gemacht habe, würden Sportler schnell den Zugang und das Vertrauen zu ihm und seiner Arbeitsweise finden, freut sich Gini über den Vorteil, den er als ehemaliger Weltcupfahrer in seine neue Laufbahn mit einbringen kann. „Meine erste Karriere erleichtert die Kommunikation mit den Sportlerinnen und Sportlern. Wir haben nicht nur dasselbe Ziel, wir reden auf dem Weg dorthin sogar dieselbe Sprache.“ Und diese Sprache könne je nach Situation auch einen fordernden Ton haben, sagt Gini. „Wenn die Athletin oder der Athlet von Schmerzen berichtet, bin ich zurückhaltend was fordern und pushen betrifft. In solchen Fällen liegt mein Fokus auf dem Ziel, dem Körper die vorgesehenen Funktionen schmerzfrei zu ermöglichen. Wenn diese Voraussetzung aber erfüllt ist, dann kann ich – individuell auf den Patienten abgestimmt natürlich – durchaus sehr fordernd sein.“

Und seine Art der Arbeit, die sich nicht nur auf Spitzensportlerinnen und -sportler konzentriert, kommt an. „Ich arbeite auch gerne mit Hobbysportlern oder auch mit Menschen zusammen, die kaum oder keinen Sport treiben. Oft gelingt es mir dann, diese Leute für die vermehrte Aktivität zu begeistern, was mich natürlich sehr freut. Menschen motivieren gehört zu meinen Stärken.“ Marc Gini ist schon kurz nach dem Einstieg ins Unternehmertum am Punkt angelangt, wo er von seiner neuen Tätigkeit auch leben kann. Ein Erfolg, der nicht jedem ehemaligen Skirennfahrer vergönnt ist. Er ist diesen Weg ohne externe Unterstützung gegangen. Für Sportlerinnen und Sportler, die im letzten Viertel ihrer Laufbahn stehen oder gar wegen einer Verletzung abrupt die Karriere beenden müssen, sei die Hilfe von Sportverbänden oder das existierende Beratungsangebot von Swiss Olympic sinnvoll, sagt Gini. „Ich habe meine neue Leidenschaft gefunden und habe den Übergang vom Slalomfahrer zum Unternehmer nahtlos gefunden. Ich darf mich glücklich schätzen.“ Und diese Zufriedenheit lässt Marc Gini in seine Arbeit mit anderen Menschen einfliessen. Und diese wiederum profitieren von dessen positiver Ausstrahlung. So ist allen geholfen, so profitieren alle Beteiligten von Marc Ginis Arbeit. Pardon: Leidenschaft.

 

Marc Gini betreut die Athleten auch gerne ausserhalb des Fitnessstudios in der freien Natur. – Foto: www.ni-photography.com / Nicholas Iliano

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